Bereits jede zusätzliche Stunde täglicher Bildschirmzeit macht sich bemerkbar. Drei zusätzliche Stunden pro Tag gingen mit messbar ungünstigeren Werten bei mehreren Herz-Kreislauf-Risikofaktoren einher. „Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählen weltweit zu den häufigsten Ursachen für Krankheit und vorzeitige Todesfälle. Ihre Wurzeln liegen oft bereits in der Kindheit. Kardiometabolische Risikofaktoren begünstigen ein frühes Auftreten dieser Erkrankungen“, erklärt OÄ Dr. Arnika Thiede, die Mitglied der Arbeitsgruppe Entwicklungs- und Sozialpädiatrie sowie der Arbeitsgruppe Neuropädiatrie der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) ist.
Die Studie zeigt außerdem, dass Schlafdauer und Schlafrhythmus den Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und kardiometabolischem Risiko beeinflussen. Insbesondere spätere Einschlafzeiten und kürzerer Schlaf verstärkten die beobachteten Zusammenhänge. Kinder und Jugendliche mit weniger Schlaf wiesen bei gleicher Bildschirmzeit ungünstigere Risikowerte auf. Dies deutet darauf hin, dass Schlafmangel nicht nur die Auswirkungen der Bildschirmzeit verstärkt, sondern auch eine vermittelnde Rolle zwischen Mediennutzung und frühen Stoffwechselveränderungen spielen könnte. Die Zusammenhänge bestanden zudem unabhängig von anderen Lebensstilfaktoren wie sitzender Tätigkeit.
Vermutet wird, dass abendliche Bildschirmnutzung den zirkadianen Rhythmus stört, die Melatoninproduktion verzögert und die Schlafdauer verkürzt. In der Folge kann es zu hormonellen Veränderungen, gesteigertem Appetit und Gewichtszunahme kommen. Eine Begrenzung der Bildschirmzeit vor dem Schlafengehen sowie die Förderung gesunder Schlafgewohnheiten könnten daher dazu beitragen, mögliche negative Auswirkungen auf den Stoffwechsel zu reduzieren. Einschlafzeit und Gesamtschlafdauer stehen dabei insbesondere im Kindesalter in engem Zusammenhang. Darüber hinaus wird diskutiert, dass intensive digitale Reize mit einer erhöhten Aktivierung des sympathischen Nervensystems einhergehen könnten. Diese gesteigerte Aktivierung kann das Abschalten erschweren und damit Erholung und Schlafqualität beeinträchtigen.
Die dänischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten zwar Zusammenhänge aufzeigen, jedoch keine direkten Rückschlüsse auf Ursache und Wirkung ziehen. Dennoch liefern die Ergebnisse wichtige Hinweise darauf, wie eng Bildschirmnutzung, Schlafverhalten und körperliche Gesundheit im Kindes- und Jugendalter miteinander verknüpft sind.
Herausfordernde Aufgabe der Eltern: eine ausgewogene Medienerziehung von klein auf
Kinder und Jugendliche nutzen digitale Medien zunehmend früher und intensiver – häufig zulasten anderer Freizeitaktivitäten. Gleichzeitig sind digitale Medien heute fester Bestandteil des Alltags und erfüllen wichtige Funktionen wie Information, Orientierung, Kommunikation und soziale Vernetzung. Umso wichtiger ist eine ausgewogene und zeitgemäße Medienerziehung.
„Eltern haben mehr Einfluss, als sie oft denken“, betont OÄ Dr. Thiede, die am Institut für Sinnes- und Sprachneurologie am Konventhospital Linz, Barmherzige Brüder, tätig ist. Dort bietet sie und ihr Kollege Christoph Rosenthaler den Workshop „Smart(ohne)phone“ für werdende Eltern und jene von Kleinkindern an. „Eltern können den Einstieg, die Inhalte und den zeitlichen Umfang der Mediennutzung aktiv mitgestalten. Diese Aufgabe ist anspruchsvoll, weshalb es sinnvoll ist, Unterstützungs- und Informationsangebote in Anspruch zu nehmen.“
Hilfreiche Leitlinien bieten beispielsweise "Die wichtigsten Empfehlungen für den Umgang mit Smartphone, Computer, Spielkonsole und TV in der Familie" oder „Gesund aufwachsen in der digitalen Medienwelt“. Die Initiative "SMART aufwachsen" informiert über Grundlagen im Umgang mit Medien und deren Auswirkungen auf die körperliche und psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Auch Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte können beraten unterstützen.
Das MAPA-Modell: Orientierung für eine bewusste Medienerziehung
Das Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Klagenfurt beschreibt mit dem MAPA-Modell vier zentrale Säulen einer zeitgemäßen Medienerziehung: Modell sein, aktiv-partizipieren, präsent sein und aufmerksam sein.
- Modell sein:
Eltern nehmen eine zentrale Vorbildrolle ein. Kinder übernehmen teilweise das Medienverhalten der Erwachsenen. Nutzen Eltern digitale Geräte häufig oder setzen sie ein, um Kinder zu beschäftigen oder zu beruhigen, prägt dies nachhaltig deren Medienverhalten. - Aktiv und partizipierend begleiten:
Eine bewusste Medienerziehung bedeutet, Medien gemeinsam zu nutzen, Inhalte zu besprechen und klare Regeln für Bildschirmzeiten festzulegen. So können Eltern Orientierung geben und medienbezogene Werte vermitteln. - Präsent sein:
Eltern sollten für ihre Kinder erreichbar sein, Interesse an deren Mediennutzung zeigen und Richtlinien geben – etwa durch klare Strukturen, altersgerechte Regeln oder unterstützende technische Hilfsmittel wie Kinderschutz-Apps. - Aufmerksam sein:
Dazu gehört auch, Alternativen aufzuzeigen, etwa gemeinsame Aktivitäten oder Spieleabende. Wichtig ist, dass Kinder und Jugendliche wissen, dass sie bei Fragen oder Problemen Ansprechpersonen haben – und sich nicht auf digitale Medien oder KI-Anwendungen verlassen müssen.
Weitere Informationsangebote unter:
• Initiative SMART-aufwachsen: www.smart-aufwachsen.at
• Saferinternet.at
• Kindergesundheit-Info: „Wegweiser Medien“
• Diakonie Österreich: „Tipps zum Umgang mit digitalen Medien“
Quellen:
- American Heart Association (ed.). Excessive screen time among youth may pose heart health risks. AHA News, published 06.08.2025.
- Farrukh S, Reza S, Babar S, Alam MF, Mara Imtiaz M. From screens to serenity: evaluating the effect of digital detox on mental and physiological health. 04 June 2025, PREPRINT (Version 1) available at Research Square.
- Gruber D. Sie können die Handys bedienen, aber nicht mit Besteck essen. Interview mit Kinderärztin Dr. Arnika Thiede. Diagnose-funk, 11.01.2025. Kompakt ch+ 2025: 19-20.
- Horner D, Jahn M, Bønnelykke K, Chawes B, Flensborg-Madsen T, Schoos AM, Stokholm J, Rasmussen MA. Screen Time Is Associated With Cardiometabolic and Cardiovascular Disease Risk in Childhood and Adolescence. J Am Heart Assoc. 2025 Aug 19;14(16):e041486.
- Lissak G. Adverse physiological and psychological effects of screen time on children and adolescents: Literature review and case study. Environ Res. 2018 Jul;164:149-157.
- Nagata JM, Huang O, Hur JO, Li EJ, Helmer CK, Weinstein E, Moreno MA. Health Benefits of Social Media Use in Adolescents and Young Adults. Curr Pediatr Rep. 2024;13(1):22.
- ÖGKJP u. ÖGKJ. Medienkampagne der ÖGKJP und ÖGKJ zum Thema „Mediennutzung und -konsum bei Kindern und Jugendlichen“. 08.01.2024.
- ÖGKJP u. ÖGKJ. Stellungnahme der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (ÖGKJP) und der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) zum Thema ,,Mediennutzung und -konsum bei Kindern und Jugendlichen". 07.05.2021. Paediatr. Paedolog. 2021 56:250–252.
- Roth-Ebner C. Das MAPA-Modell: Impulse für eine zeitgemäße Medienerziehung im Kontext mediatisierter Kindheit. Pädiatrie & Pädologie, veröffentlicht 11.12.2025.
- Sauseng W, Sonnleitner A, Hofer N, Pansy J, Kiechl-Kohlendorfer U, Weiss S, Kenzian Kerbl HR Empfehlungen zur Regulierung von Bildschirmzeiten im Kindes- und Jugendalter. Konsensuspapier der Arbeitsgruppe Schlafmedizin und Schlafforschung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde. Monatsschr Kinderheilkd 2017; 165:254–256.
- Too much screen time may be hurting kids’ hearts. ScienceDaily, 01.11.2025.
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Dies ist eine Pressemeldung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ). Der Abdruck dieser Pressemeldung oder von Teilen des Artikels ist unter folgender Quellenangabe möglich: www.kinderaerzte-im-netz.at. Bei Veröffentlichung in Online-Medien muss die Quellenangabe auf diese Startseite oder auf eine Unterseite des ÖGKJ-Elternportals verlinken. Fotos und Abbildungen dürfen grundsätzlich nicht übernommen werden.
