„Unbehandelt würden chronische Schmerzen, bleibende Gelenkschäden und andere Komplikationen, wie eine eingeschränkte Sehleistung oder Wachstumsstörungen, drohen. Je früher wir die Entzündung wirksam kontrollieren, desto größer sind die Chancen, jene zu vermeiden. Heute können wir die Patient:innen gezielter und besser auf die individuellen Bedürfnisse ausgerichtet behandeln“, erklärt Priv.-Doz. Dr. med. univ. Andrea Skrabl-Baumgartner, die die Arbeitsgruppe Rheumatologie der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) leitet.
Die juvenile idiopathische Arthritis ist die häufigste chronisch-entzündliche rheumatische Erkrankung im Kindes- und Jugendalter. Expert*innen sprechen von einer JIA, wenn die rheumatische Erkrankung vor dem 16. Lebensjahr beginnt, mindestens 6 Wochen besteht und andere mit einer Arthritis einhergehende Erkrankungen ausgeschlossen sind. In den meisten Fällen sind die Gelenke betroffen, aber die Krankheit kann auch Organe befallen. In Österreich sind rund 1.700 Kinder und Jugendliche betroffen, jedes Jahr kommen etwa 140 Neuerkrankungen hinzu.
Die Studie aus den Niederlanden analysierte die Versorgung von Kindern mit nicht-systemischer JIA über mehr als ein Jahrzehnt. Dabei sind vorwiegend die Gelenke betroffen. Das Ergebnis: Der Einsatz moderner, zielgerichteter Medikamente – sogenannter Biologika und neuer Wirkstoffe, wie Januskinase-Inhibitoren – hat sich mehr als verdoppelt. Während 2012 nur etwa ein Drittel der Kinder frühzeitig solche Therapien erhielt, waren es 2023 bereits fast zwei Drittel. Klassische Standardtherapien werden heute häufiger durch individuell angepasste Behandlungsstrategien ergänzt oder ersetzt.
Der Begriff „juvenil“ bedeutet „im Kindes- oder Jugendalter“, „idiopathisch“, dass die genaue Ursache nicht bekannt ist. Bei der JIA handelt es sich um eine Erkrankung infolge einer fehlgeleiteten Reaktion des Immunsystems, bei der körpereigene Strukturen – vor allem die Gelenke – angegriffen werden.
Mögliches Rheumazeichen: Kleines Kind will plötzlich nicht mehr gehen
„Im Unterschied zu erwachsenen Rheumapatient:innen können die typischen Symptome einer Arthritis wie Schwellung, Überwärmung und Morgensteifigkeit oft über längere Zeit unentdeckt bleiben. Stattdessen fallen Kinder – je nach Alter und Subtyp der JIA – initial häufiger durch Bewegungsvermeidung oder Schonhaltung auf. Kleine Kinder wollen oft nicht mehr gehen und vermehrt getragen werden. Sie greifen plötzlich anders, sind misslaunig oder schlafen schlecht. Schulkinder klagen über Schmerzen in den Gelenken, ohne dass sie sich verletzt haben“, beschreibt Priv.-Doz. Dr. med. univ. Skrabl-Baumgartner mögliche Anzeichen. Sie ist als Expertin für pädiatrische Rheumatologie an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz in der Ambulanz für Rheumatologie tätig.
Manchmal mehr als nur die Gelenke betroffen
Bei der JIA sind in erster Linie die Gelenke betroffen – am häufigsten Knie, Sprunggelenke, Handgelenke, Ellbogen und die kleinen Gelenke der Hände. Je nach Krankheitsform können jedoch auch andere Bereiche, wie die Haut oder innere Organe, mitbeteiligt sein. Besonders wichtig sind regelmäßige augenärztliche Kontrollen, da es bei manchen Kindern zu einer oft folgeschweren, aber meist asymptomatischen Augenentzündung (Uveitis) kommen kann. Andere schwere Organbeteiligungen sind selten und betreffen vor allem spezielle Verlaufsformen.
Begleiterkrankungen im Blick behalten
Kinder mit JIA haben ein erhöhtes Risiko, zusätzliche Autoimmunerkrankung zu entwickeln, etwa eine Zöliakie oder eine Autoimmune Schilddrüsenerkrankung. Deshalb achten Ärztinnen und Ärzte im Rahmen der regelmäßigen Kontrollen gezielt auf entsprechende Hinweise. Dies dient der Vorsorge und bei Bedarf einer frühzeitigen Behandlung.
Auch die seelische Gesundheit zählt
Chronische Erkrankungen können für Kinder und Familien belastend sein. Studien zeigen, dass Kinder mit JIA im Alltag oft eine große psychische Widerstandskraft entwickeln. Dennoch können Schmerzen, Arztbesuche oder Einschränkungen die Lebensqualität beeinflussen. Eine ganzheitliche Betreuung, die auch die psychische Gesundheit berücksichtigt, ist daher ein wichtiger Bestandteil der Behandlung.
Gut informiert – gut begleitet
„Eine frühzeitige Diagnose und Therapie in spezialisierten Einrichtungen sind entscheidend für die Prognose. Die Betreuung umfasst auch die Aufklärung und Begleitung von Kindern und Eltern, um bestmöglich mit der Erkrankung umzugehen und den Patient:innen eine möglichst normale Teilhabe an einem altersentsprechenden Alltag zu gewährleisten“, fasst Priv.-Doz. Dr. med. univ. Skrabl-Baumgartner zusammen. Informationen zu Rheuma im Kindesalter, altersgerechtes Aufklärungsmaterial sowie eine Übersicht über spezialisierte Anlaufstellen in Österreich finden Interessierte z.B. unter: www.kinder-rheuma-info.com
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