„Multiple Sklerose entsteht, wenn das Immunsystem irrtümlich die schützende Hülle der Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark angreift. Dadurch werden Nervenimpulse nicht mehr zuverlässig weitergeleitet. Je nachdem, welche Bereiche betroffen sind, können unterschiedliche Beschwerden auftreten. Die Erkrankung verläuft im Kindes- und Jugendalter in der Regel schubweise, kann im weiteren Verlauf jedoch auch langsam fortschreiten", erklärt Mag. Dr. Christian Lechner, Oberarzt für Neuropädiatrie an der Innsbrucker Univ.-Klinik für Pädiatrie I und erster Sekretär der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ).
MS im Kindesalter ist selten: Etwa 3 bis 10 % aller MS-Erkrankungen beginnen vor dem 18. Lebensjahr. Das durchschnittliche Erkrankungsalter liegt bei etwa 14 bis 15 Jahren. Bei Kindern unter elf Jahren tritt MS nur sehr selten auf.
Europa weist weltweit eine der höchsten MS-Häufigkeiten auf. Für Tirol wurde eine vergleichsweise hohe pädiatrische MS-Inzidenz von 2,19 Neuerkrankungen pro 100.000 Kindern und Jugendlichen pro Jahr berichtet. Hochgerechnet auf die österreichische Bevölkerung unter 18 Jahren entspräche dies etwa 35 Neuerkrankungen jährlich.
Erste Anzeichen ernst nehmen
Da MS unterschiedliche Bereiche des Gehirns und Rückenmarks betreffen kann, sind die Beschwerden von Kind zu Kind verschieden.
„Zu den häufigsten ersten Anzeichen gehören Sehstörungen durch eine Entzündung des Sehnervs, Taubheitsgefühle oder Kribbeln, Muskelschwäche sowie Gleichgewichts- und Koordinationsprobleme. Manche Kinder entwickeln außerdem Doppelbilder, Schwindel oder Schluckstörungen", erklärt Mag. Dr. Lechner.
Treten solche Beschwerden auf oder kehren sie wiederholt zurück, sollten die betreuenden Kinder- und Jugendfachärzt:innen aufgesucht werden. Besteht der Verdacht auf eine MS, erfolgt eine Überweisung an eine spezialisierte neuropädiatrische Einrichtung.
Frühe Behandlung macht einen Unterschied
Kinder und Jugendliche erholen sich nach einem MS-Schub häufig rascher als Erwachsene. Dennoch ist eine frühe Diagnose wichtig. Moderne Medikamente können die Zahl der Schübe verringern und das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen.
„Je früher mit einer hochwirksamen krankheitsmodifizierenden Therapie begonnen wird, desto besser lässt sich der Krankheitsverlauf langfristig beeinflussen", betont Mag. Dr. Lechner. Er hat sich untere anderem auf entzündliche Erkrankungen des zentralen Nervensystems sowie neurologische Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter spezialisiert und ist Erstautor einer Studie zur Epidemiologie der Multiplen Sklerose im Kindes- und Jugendalter in Tirol.
Warum entsteht Multiple Sklerose?
Warum manche Menschen an MS erkranken und andere nicht, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Fachleute gehen davon aus, dass mehrere Faktoren zusammenwirken. Neben einer genetischen Veranlagung gelten unter anderem eine frühere Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus und starkes Übergewicht im Kindes- und Jugendalter als Risikofaktoren. Diese Faktoren können das Erkrankungsrisiko erhöhen, führen jedoch in den allermeisten Fällen nicht dazu, dass ein Kind an Multipler Sklerose erkrankt.
Gut begleitet im Alltag
Eine MS-Diagnose wirft bei Familien zunächst viele Fragen auf. Neben der medizinischen Behandlung stehen heute zahlreiche Unterstützungsangebote zur Verfügung.
Je nach individuellem Bedarf können Kinder und Jugendliche beispielsweise eine Rehabilitation in einem Kinder- und Jugend-Rehabilitationszentrum mit neurologischem Schwerpunkt in Anspruch nehmen. Dort unterstützen Physiotherapie, Ergotherapie, psychologische Begleitung und weitere Therapien dabei, den Alltag gut zu bewältigen und die Selbstständigkeit zu fördern.
Zunehmende Belege deuten darauf hin, dass sich sportliche Betätigung bei jungen MS-Patient:innen sowohl körperlich als auch seelisch positiv auswirkt. So ist eine bessere Fitness bei Kindern mit Multipler Sklerose u.a. mit einer geringeren Krankheitsaktivität verbunden.
„Für Jugendliche ist außerdem wichtig zu wissen, dass die Therapie auch in beschwerdefreien Phasen konsequent fortgesetzt werden sollte. Damit schaffen Jugendliche die besten Voraussetzungen, langfristig aktiv zu bleiben und ihren Alltag uneingeschränkt gestalten zu können", ergänzt Mag. Dr. Lechner.
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